„Ihnen wird eine eigene Meinung abgesprochen“

Die rot-grüne Regierungskoalition will ein gentechnikfreies Niedersachsen durchsetzen. Das hat Folgen auch in der Schulpolitik: Ein Projekt, mit dem Schülern experimentell Gentechnik nahegebracht wird, soll nicht mehr weitergefördert werden. Das Aus für HannoverGen hat Empörung bei den Betroffenen und in der Wissenschaft ausgelöst. Der Biologe Wolfgang Nellen, Leiter des Fachbereichs Genetik der Uni Kassel, erklärt im Interview, warum er die Entscheidung für falsch hält.

Herr Nellen, Sie führen in Kassel angehende Lehrer und Schüler an das Thema Gentechnik heran. Wie genau läuft das?

Unser Verein heißt Science Bridge. Wir bieten seit 1996 Fortbildungen für Lehrer, in denen sie lernen, wie Gentechnik in der Praxis funktioniert. Und wir organisieren im Auftrag der Schulen die Ausrüstung und Durchführung von gentechnischen Experimenten, vor allem an der Oberstufe.

Was bringen Sie den Schülerinnen und Schülern bei?

Wir vermitteln die Grundprinzipien der Molekularbiologie und Gentechnik. Wir haben beispielsweise schon vor dem Pferdefleischskandal ein Experiment gemacht, in welchem die Schüler Hühner- oder Schweinefleisch in Fleischprodukten nachweisen konnten. Oder wir sprechen über transgene Proteine, das bekannteste ist Insulin.

Was ist das Ziel?

Uns geht es darum, dass Gentechnik verstanden und begriffen wird.

Werden Sie von der Industrie gefördert?

Wir werden vor allem gefordert – von unseren Schülern. Auf Industrieförderung haben wir absichtlich verzichtet, um Debatten wie um HannoverGen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Unsere Arbeit wird allein von den Schulen bezahlt. Und ich bin auch darüberhinaus in keiner Weise abhängig von Zahlungen der Industrie.

Sie verzichten auf Mittel der Industrie, um nicht in den Geruch des
Lobbyismus zu kommen?

So ist es. Ich verstehe mich allein als Lobbyist der Wissenschaft. Und in dieser Rolle halte ich eine Beschäftigung mit Gentechnik für unverzichtbar

Wie bewerten Sie das Aus für HannoverGen?

Ich halte die Entscheidung der Koalition in Niedersachsen für falsch. Man kann doch nicht ein Bildungsprogramm ersatzlos streichen, das in diesem kontroversen Feld Gentechnik für Aufklärung sorgt. Was die betroffenen Schüler, Lehrer und Wissenschaftler denken, spielt offenbar gar keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Ihnen wird eine eigene Meinung abgesprochen. Dabei ist es die Entscheidung der hannoverschen Landesregierung, die Bildung unmöglich macht. Wenn man das böse interpretiert: Sie will verhindern, dass sich Schüler und Lehrer eine eigene Meinung bilden.

Wenn es nicht um Bildung geht, worum geht es dann?

Es geht um Ideologie. Gentechnik gilt als verwerflich und muss verhindert werden. Mich erinnert das an die Kreationisten, Anhänger der Schöpfungslehre, die ihre Gegner als Ketzer verdammen. In der Debatte um die Gentechnik geht es allerdings um knallharte Interessen der Öko-Industrie. Das kritische Gutachten zu HannoverGEN wurde unter anderem von Demeter und Naturkost finanziert, Greenpeace hat es dann beworben. Und politisch benutzt wird es dann von Bündnis90/Die Grünen.

Aber viele Menschen in Deutschland haben Vorbehalte gegenüber der Gentechnik, nicht nur Parteigänger der Grünen. Können Sie das nachvollziehen?

Wenn man etwas nicht weiß, treten Ängste auf, das ist doch klar. Aber interessant ist doch, dass die Ängste vor allem mit der grünen Gentechnik auftreten – also dem Einsatzgebiet Landwirtschaft. Gentechnik in der Medizin, etwa bei der Entwicklung innovativer Krebstherapien oder Medikamente für Bluter – gilt dagegen als gut. Das ist doch irrational.

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